Bundesliga 2020: Weil es um was anderes geht

Man muss keine großen Worte darüber verlieren was in den letzten zwei bis drei Monaten passiert ist. Corona und die Gegenmaßnahmen haben so ziemlich alles umgekrempelt, was man sonst Alltag nannte. Unserem liebsten Hobby rund um einen wunderlichen Fußballverein mit dem Namen einer Glücksgöttin wurde am 13.03.2020 kurz vor geplantem Spielbeginn der Stecker gezogen.

Pause für die torkelnde Fortuna…

Ich muss zugeben: so ganz tragisch fand ich das zunächst nicht. Sportlich hatte unsere Diva ja weiterhin einen argen Schlingerkurs gefahren. Die Mannschaft spielte unter Rösler mitreißender aber auch nicht wirklich viel konstanter. Und als Zanka im Viertelfinale gegen Saarbrücken den entscheidenden Elfmeter verschießt und wir gegen einen Regionalligisten die größte Chance der letzten Jahre vergeben, da war dann auch die kurze Euphorie rund um den frischen Wind durch den Trainerwechsel bei mir vorbei. Zwangspause wegen Corona? Von mir aus.

…endgültiger Irrsinn für den deutschen Profi-Fußball

„Der Fußball“ bzw. die professionell ausgeübte und in DFL und DFB organisierte Variante davon, hatte da schon für einen neuerlichen geistigen Tiefflug hinter sich. Zusammen mit dem Business-Kumpel Sky und angefeuert von Boulevard eskalierte man den Streit rund um die Anti-Hopp-Plakate derart, dass man sich an die Zeiten rund um unser Relegationsdrama 2012 erinnert fühlte. Der Fußball-Fan als hasserfüllter Ultra-Taliban, der die Menschenwürde per selbstgemaltem Plakat abschafft. Rassismus, Korruption, Spielmanipulationen, Steuerhinterziehung – alles okay, aber bei Beleidigung eines der großen Geldgeber? Da gibt es dann Sondersendungen im TV und Spielunterbrechungen und öffentlich-rechtliche „Journalisten“, die sofort jegliche Standards über Bord werfen.

Die Pause-Taste hat nicht geholfen

In diesem Moment konnte man als aktiver Fan fast ein wenig froh sein, dass plötzlich erst mal Schluss war mit dem Fußball. Alle mal Luft holen, runterkommen. Doch die DFL und die Lautsprecher bei den Clubs waren noch auf höchste Betriebstemperatur und besonders die Kessel in München und Dortmund standen noch unter zu hohem Dampfdruck. In Italien wurde das ganze Land abgesperrt, die WHO rief die Pandemie aus und Joachim Watzke sagt zum Thema Saisonabbruch bzw. Spielabsage: „Ganz ehrlich: Wir sollten es auch nicht übertreiben. Denn die aktuelle Gesundheitsgefahr für eine Mannschaft, die aus kompletten Athleten besteht, die würde ich, ohne Virologe zu sein, als nicht gravierend einstufen“.

Weil es um was anderes geht

Seit diesem Tag lief für DFL und die Vereine nur ein Projekt: wie lässt sich die ganze Kiste wirtschaftlich retten. Denn hinter den für viele zynisch wirkenden Aussagen von Watzke, Rummenigge und co. steckte die immer gleiche Logik: wir brauchen das Geld, sonst ist das System Profi-Fußball sofort bankrott. Daher ist es fast verständlich, dass die unmittelbare Reaktion auf die Spielpause der Ruf nach Geisterspielen war. Die Vereine hängen am TV-Geld wie der Junkie an der Nadel und nicht nur Schalke wäre ohne die Überweisung von Sky im April pleite gewesen. Dafür wird dann auch sämtliche vermeintliche Integrität und „gesellschaftliche Verantwortung“ sofort hinten angestellt.

Wir scheißen auf den Sieg

Wenn dann am Samstag mit einem bereits ad absurdum geführten Corona-Konzept die Geisterliga weitergeht, hat das mit Sport und Wettbewerb nichts mehr zu tun. Es ist der DFL, dem DFB und den Vereinen selbst auch völlig egal wer Meister wird und unter welchen Bedingungen hier Spiele ausgetragen werden. Wer glaubt, dass bei dieser Scharade noch ein fairer Wettbewerb gegeben sei, der empfindet vermutlich auch den „Fanclub Nationalmannschafft“ als Teil lebendiger Fankultur. Oder kauft sich in Gladbach einen Pappkameraden, der dann an ihrer/seiner Stelle im Stadion steht.

Denn ihr seid nicht wie wir

Und so fühlt es sich für mich in jeder Hinsicht mies an: Corona hat für dieses Jahr den Fußball als Sport und Wettbewerb beendet, das einzigartige Erlebnis als aktiver Fan seinen Verein im Stadion zu unterstützen gibt es nicht. Dafür darf man, nun sogar ohne Sky-Abo, in die nackte und hässliche Fratze des Fußball-Business schauen. Der 16. Mai bringt nicht den Fußball und schon gar keine „Normalität“ zurück, es ist auch kein Tag zur Freude.

Ich bin nicht naiv, natürlich war diese Fratze immer da und nur unter der Sport- und Stadion-Kruste versteckt. Auch unser Verein ist Teil des Systems, unsere Verantwortlichen stimmen in der DFL für alle Maßnahmen mit. Und doch muss man sich jederzeit fragen wie man diese Entwicklung aufhalten und das System verbessern kann. Wer dann vielleicht nächstes Jahr im Stadion ein Banner „Gegen den modernen Fußball“ wehen sieht, der sollte sich an die letzten zwei Monate erinnern.