Herr Röttgermann und das Vertrauen

Ein Vorstandsvorsitzender baut sein eigenes Neben-Geschäft in der gleichen Branche auf, und vergisst das seinem Arbeitgeber zu erzählen. Und stellt dann einen seiner privaten Geschäftspartner als Mitarbeiter ein. Ein Aufreger für Fortuna? Nein, man will lieber die Petze finden anstatt Unruhe aufkommen zu lassen. Ein Blick auf Vertrauen, Ansprüche und Theater hinter den Kulissen.

Im April 2019 hat der Aufsichtsrat von Fortuna Düsseldorf den bis dato recht erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden Robert Schäfer freigestellt, im Volksmund sagt man eher: entlassen. Seinen Vertrag hat Schäfer noch bis 2021, er war ja erst kurz zuvor verlängert worden. Gründe für die Trennung: „das Vertrauensverhältnis ist nachhaltig gestört“, so wird Aufsichtsrat Reinhold Ernst zitiert. Eigentlich schon genug Aufregung für das Jahr 2019 unseres neuen „gekommenumzubleiben“-Bundesligisten. Aber auch der neue Vorstand hat so einiges in Petto…

Herr Röttgermann und seine App

Am 15.04.2019 wurde Thomas Röttgermann als Nachfolger vorgestellt. Bis dato immerhin 7 Jahre Geschäftsführer der VfL Wolfsburg Fußball GmbH und über seine Person und Tätigkeit war den meisten wohl genau so viel bekannt wie über die Geschäftskonstrukte der Wolfsburger VW-Betriebssportmannschaft. Röttgermann tritt sein Amt an, wie man das nun mal machen sollte: nette Worte über Stadt, Verein und zu den Fans. Schnell kehrt Ruhe ein, der Klassenerhalt ist sicher und die Sommerpause lang.

Nicht einmal 5 Monate später bringt ausgerechnet das wenig sport-affine Handelsblatt einen Artikel über eben diesen Thomas Röttgermann. Und der Artikel hat es schon in sich, denn hier wird munter aus internen E-Mails zitiert und ganz offensichtlich hat da jemand aus dem inneren Kreis der Geschäftsstelle der Zeitung ein paar heiße Infos gesteckt. Röttgermann arbeitet seit einiger Zeit, bereits bevor er nach Düsseldorf kam, mit dem Finanzchef von Hertha BSC (Ingo Schiller) und dem „Leiter Corporate Development“ vom VfL Wolfsburg, Felix Welling, an einer App mit der Fußballfans Abos von Streaming-Anbietern verkauft werden soll. Zudem ist Röttgermann mit Schiller auch über weitere Beteiligungen geschäftlicher Art verbunden, man betreibt gemeinsam eine Investment-Firma.

Hobby oder Interessenskonflikt?

Nun mag man fragen: wo ist das Problem? Der eine investiert in Aktien, der andere hat ausgefallene Hobbies und Röttgermann versucht ein App-Business aufzubauen. So in etwa waren auch die ersten Reaktionen in den Medien auf die Handelsblatt-Meldung.

Doch ganz so einfach ist es dann nicht. Denn durch die durchgestochenen Mails von Röttgermann wurde auch bekannt, dass er auch aktiv seinen Position als Vorstandsvorsitzender von Fortuna Düsseldorf (und seinen Mailaccount) für das Vorantreiben des Projekts genutzt hat. So schreibt er an Verantwortliche von TV-Sendern und bahnt Termine mit Sky an. Von diesem Privat-Projekt wusste bis dato sein Arbeitgeber, der Verein Fortuna Düsseldorf in Form des Aufsichtsrats, nichts.

Hier betreibt nun also jemand in einer Geschäftsführungsposition ein eigenes, privates wirtschaftliches Projekt bzw. Unternehmen in der gleichen Branche und verschweigt das gegenüber seinem Arbeitgeber. Ob da nun ein realer wirtschaftlicher Interessenskonflikt besteht oder nicht, ist da noch nicht einmal der Kern des Problems. Allein die Intransparenz ist schon einen mehr als kritischen Blick wert. Kann man bei einem so erfahrenen Geschäftsführer im Fußbal-Business wirklich von „hab ich vergessen“ ausgehen?

Im Kern soll für mich ein hauptamtlicher (!) Vorstandsvorsitzender seine berufliche Energie auf den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg unseres Vereins fokussieren. Korrespondenz zur Anbahnung von Geschäften im privaten Bereich gehört nicht zu einer fokussierten Arbeitsweise. Zudem profitiert er in besonderem Maße von seiner Funktion als Geschäftsführer/Vorstandsvorsitzender für sein privates Business: Branchenkontakte, Infos aus Gremien, Zugang zu Vertriebswegen – der Job macht vieles erst möglich.

Der Aufsichtsrat schluckt runter

Es geht dann fix in Düsseldorf, denn schnell vermeldet die lokale Presse: Thomas Röttgermann muss zum Rapport zum Aufsichtsrat. Ergebnis: alles super, er hat es doch gar nicht so gemeint. So wird Reinhold Ernst zitiert mit „Es wäre sicher besser gewesen, wenn er uns informiert hätte. Jetzt haben wir uns ausgesprochen“. Das bedeutet im Klartext: die Nebentätigkeit ist für unseren Aufsichtsrat in Ordnung. Röttgermann selbst ist sich ebenfalls keiner wirklichen Fehler bewusst, denn er sagt klar „Ich bin [zwar] der Auffassung, dass es keine Nebentätigkeit war […]“.

Nun ist das Projekt der App nicht neu, denn schon zu Wolfsburger Zeiten hat er daran gearbeitet. Was aber nicht zwingend bedeuten muss, dass wir das hier dann auch toll finden müssen. Schlussendlich wurde auch nicht eine Aussage aus dem Handelsblatt-Artikel öffentlich dementiert, man kann also schon davon ausgehen, dass hier keine „Fake News“ im Spiel waren.

So könnte man dann wie so viele mit den Schultern zucken und den Vorgang mit „Viel Lärm um nichts“ abtun. Wenn da nicht noch eine weitere Ebene wäre, die alle Vorgänge eher unappetitlich dastehen lassen.

Posten-Geschacher am Flinger Broich

Das ein neuer Chef nach einiger Zeit einen kritischen Blick auf sein Personal wirft und mit dem ein oder anderen in seiner Führungsriege nicht so kann, ist ein normaler Vorgang. So hatte auch Robert Schäfer viele Positionen bei Fortuna neu besetzt, was ihm sehr laute Kritik einbrachte. Und auch Thomas Röttgermann hat jemanden ausgemacht, mit dem er eher nicht mehr zusammenarbeiten möchte: Alexander Steinforth, Direktor Strategie und Geschäftsentwicklung. Von außen betrachtet hat dieser sich eher mit ordentlichen Leistungen z.B. im Bereich Ticketing hervorgetan. Aber gut, wo man nicht miteinander kann, da muss man Lösungen finden.

Doch das Handelsblatt hat auch hier etwas aufgedeckt: die „Lösung“, besser Ablösung, heißt Felix Welling. Ja, der Welling, der am ganz privaten Fußball-App-Business unseres Vorstandsvorsitzenden beteiligt ist. Und der hat auch schon eine Zusage und darf am 01.01.2020 hier in Düsseldorf anfangen. Nur mit Alexander Steinforth hatte man wohl bis dahin noch nicht gesprochen – oder es vielleicht vergessen, wie bei der Geschichte mit der App und dem Aufsichtsrat?

So wurde dann Steinforth Anfang dieser Woche freigestellt. Offiziell wurde da nichts zu bekanntgegeben, in der Presse heißt es „fehlende Loyalität“ und auch ist wieder die Rede vom berühmten Vertrauen bzw. der Abwesenheit dessen.

Wie tief können unsere Ansprüche sein?

So hat das Thema für mich nicht einfach nur ein leichtes „Geschmäckle“, wie man so sagt. Wie viel Altbier muss man trinken, um dieses fiese Aroma der Vorgänge nicht mehr zu bemerken? Wenn wir bei Fortuna irgendwie, auch nur ein wenig, „anders“ als der Rest des Fußball-Business sein wollen, dann kann der aktuelle Umgang mit den Vorgängen doch nicht unser Anspruch sein!

Robert Schäfer hatte sein Vertrauen am Ende nachhaltig verspielt. Aber was muss Schäfer alles angestellt haben, wenn sein Nachfolger sich nicht mal mehr Mühe geben muss sich überhaupt etwas Vertrauen zu verdienen?