Wir haben doch (fast) gar keine Chance!

Saisonprognosen, Bundesliga-Tabellen-Tipps, Expertenanalysen, Sonderhefte. An jeder Ecke wird gerade in fiebrig-feuchter Erwartung der Aufnahme des Spielbetriebs versucht, das da kommende Geschehen im Vorfeld bereits möglichst detailreich vorherzusagen. Natürlich am Ende alles Humbug, Trefferquote zwischen Aktienanalysen und Wetterbericht. Macht trotzdem Spaß, hat ja noch niemand vor den Ball getreten und die Sommerpause ist eh immer zu lang.

Klassenerhalt ist doch einfach

Im Grunde braucht man zum Klassenerhalt drei Dinge: zwei Mannschaften, die schlechter spielen als man selbst – und Glück in den Relegationsspielen. Klingt doch einfach! Ist halt das Problem, daß niemand vorher weiß wer die zwei diesjährigen Graupen am Tabellenende sein werden. Und niemand weiß, was man so wirklich machen muss, um nicht selbst dort zu landen. Doch, einfach in vielen Spielen mehr Tore schießen als der Gegner und dadurch so gute 36-40 Punkte sammeln. Den Rest besorgt die Statistik.

Ein wesentliches Kriterium ist eben nicht unbedingt die tolle Qualität der Spieler oder gar der (von Fans ausgewürfelte) Marktwert in Online-Portalen. Meines Erachtens nach ist für die Truppen im unteren Tabellendrittel die Stimmung und Einstellung der wichtigste Erfolgsfaktor. Wird ja auch immer von allen beschworen, besonders wenn es im dem Bereich gerade nicht mehr so läuft.

Die größte Herausforderung

In der Tat zeigt es sich jedes Jahr, daß das die größte Heraufsorderung für jedes Team ist: in allem Trubel eine gute Einstellung und ein ruhiges und fokussiertes Umfeld zu behalten. Fans werden mürrisch, wenn Tore und Punkte ausbleiben. Trainer werden nervös, wenn sich trotz vieler Experimente auf dem Platz keinerlei Erfolg einstellt. Spieler sind mit den Gedanken woanders, wenn die Aussicht für die nächste Saison Auswärtsspiele in Sandhausen bedeutet. Medien wedeln eifrig jedes

Allein in der letzten Saison traf es mit Hannover und Stuttgart zwei Clubs, die auf dem Papier doch beste Voraussetzungen hatten. Kader verstärkt, gute Vorsaison gespielt, stabiler Markwert. In Hannover hatte man aber einen schönen Kampf zwischen Fans, Verein und Fußball-GmbH mit Martin Kind im Hintergrund. Vereinsinterne Machtkämpfe sind der Turbo Richtung sportlicher Niedergang, das kennen wir ja auch und bei den rot-weißen aus der Stadt mit der großen Kirche ist das auch stets ein Thema. In Stuttgart knallte es schon im November zwischen Aufsichtsrat (Buchwald) und Vorstand (Reschke), im Februar eskalierte es, im Mai ging man in die zweite Liga.

Marbella ist nur einmal im Jahr

Auch wir hatten unsere Momente in der letzten Saison: lange Niederlagenserie im Herbst und die zu Tage tretenden Unstimmigkeiten im Vorstand/Aufsichtsrat rund um den Robert Schäfer. Es eskalierte dann ja bekanntlich im Wintertrainingslager rund um die Vertragsverlängerung mit Friedhelm Funkel. Da blitzte die alte Fortuna wieder auf: wenn es gerade läuft, dann kann man doch sicher irgendwo für neue Unruhe sorgen.

Das uns das nicht auf die Füße gefallen ist, war ein Glück. Der vorher so oft gescholtene Funkel (wie oft hat man auch in der Aufstiegssaison gehört, man müsse ihn durch jemanden mit besserem/schöneren Fußballspiel ersetzen) bekam Rückenwind von allen Seiten und Robert Schäfer musste gehen. Die Truppe ging aus dem Theater gestärkt hervor, die Rückrunde lief gigantisch – Klassenerhalt sicher.

Wir fangen von vorne an

Daher sage ich: ob wir in diesem Jahr drinbleiben – und nichts anderes ist das Ziel – wird nicht zwingend von unseren Transfers abhängen. Wir haben so viel Wundertüte gekauft wie im letzten Jahr auch, es sollten halt mehr Gewinnlose als Nieten in der Tüte sein.
Entscheidend wird es sein, ob wir nochmal die gleiche Mentalität zusammenbringen. Ich bin guter Dinge! Unsere „Stars“ Raman und Lukebakio sind gegangen, wir haben neue Jungs, die sich beweisen wollen. Funkel hat den Charakter und die Möglichkeiten eine Mannschaft zu formen, die sich für ein bescheidenes Ziel reinhängt. Die weiteren Umstände sind gut wie schon lange nicht: ein eher geschäftsmäßiger Vorstand, der vermutlich wenig ins sportliche hinein regieren wird. Fans, die aktuell auf dem Boden der Tatsachen bleiben und einen realistischen Blick haben. Und wenig „Hype“: die Dauerkartenverkäufe auf Vorjahresniveau, die Medienlandschaft findet auch keine Erregungsthemen.

Diese Fast-Langeweile sehe ich als Vorteil. Geben wir den Jungs die ersten 6 Spieltage zur Eingewöhnung, das Programm ist schwer genug. Dann werden wir sehen, ob sportlich genug zusammenkommt. Ich bin zuversichtlich und sehe uns mindestens auf Platz 15.