Prognose

Teil 2: Herzstück oder Herzstillstand?

Prognose
Kaderanalyse Fortuna Düsseldorf 2019/20

Eine schlimme Verletzung in den letzten Minuten des unwichtigen, abschließenden Saisonspiels sorgt für viele Veränderungen. Im zweiten Teil der Kaderanalyse geht es um das zentrale Mittelfeld, defensiv wie offensiv.

Zentrales Mittelfeld

Hier sind die Positionen bei uns ja recht „schwimmend“. Viele Spieler haben im defensiven Mittelfeld (direkt vor der Abwehr, „Sechser“), im zentralen Mittelfeld („Achter“) oder im offensiven Mittelfeld (klassischer Zehner oder verkappte, hängende Spitze) gespielt, letzteres trifft eigentlich nur auf Oliver Fink zu.

Adam Bodzek bekleidet ausschließlich die Sechser-Position, entweder als alleiniger defensiver Mittelfeldspieler oder als defensiver Teil der Doppelsechs. Hier liegen ganz klar seine Stärken. Schon in der Vergangenheit habe ich mich ja als Bodzek-Fan geoutet und selbst in der ersten Liga schafft er es, die Abwehr zu stabilisieren, ein kluges Foul zu ziehen (meistgefoulter Spieler), aber auch mal richtig dazwischen zu hauen, wenn nötig. Adam wird das nicht auf Strecke spielen können und auch nicht gegen jeden Gegner, aber er ist wichtig für das Team – sowohl auf dem Platz, als auch daneben. Unvergleichlich ist sein „Willkommensgruß“ an Nana Ampomah bei dessen ersten Fortuna-Training, den er erst einmal mit einer soliden Grätsche umgemäht hat. Die nötige Portion Aggressivität, teils über die Grenzen des Erlaubten hinaus, die Adam mitbringt, werden wir in gewissen Situationen brauchen.

Alleiniger Sechser oder defensiver Part der Doppelsechs können ebenso Alfredo Morales und Marcel Sobottka spielen. Beide sind aber auch als Achter einsetzbar. Gerade auf Alfredo lastete zu Beginn der vergangenen Saison viel Erwartungsdruck, dem er zunächst mit einem Traumstart inklusive Tor gerecht wurde. Als es insgesamt ab Spieltag 5 schlechter lief, versuchte er viel, agierte oft unglücklich und fiel in ein tiefes Loch. Erst in einer stabileren Mannschaft packte er in der Rückrunde wieder den Sprung in die Startelf, allerdings begünstigt durch den Ausfall von Marcel Sobottka. Ich lese momentan, dass Alfredo als Gewinner der Vorbereitung gilt. Diese Meinung teile ich nicht. Gerade in den Testspielen gegen die „besseren“ Gegner fällt er durch falsche Entscheidungen, Fehlpässe und teils unglückliche Zweikampfführung auf. Mich überzeugt er noch nicht.

Marcel Sobottka wünschen wir alle eine verletzungsfreie Saison. Schon als das schmächtige Kerlchen zu uns wechselte, war aus Reihen der Schalker Fans zu hören, dass er sich bei uns schnell festspielen würde. Und so kam es auch – Stammspieler und stellvertretender Kapitän. Er bringt eine starke Balleroberung mit und nervt seine Gegner durch geschicktes Zweikampfverhalten. Einziges Manko ist die ausbaufähige Offensivleistung. Er kann seine Fähigkeiten besonders entfalten, wenn er einen spielstarken Partner neben oder vor sich hat, dem er den Ball nach Eroberung weiterleiten kann.

Die Traum-Konstellation wird es erst einmal nicht geben

Meine Traum-Konstellation im Mittelfeld ist Marcel mit Kevin Stöger, der für mich die Entdeckung der letzten Saison war. Der Schachzug, ihn auf die 8, teilweise auf die 6 zurückzuziehen, war einer der positiven Wendepunkte. Er wurde so das Herzstück unseres Umschaltspiels und leitete nach Balleroberungen viele Konter erfolgreich ein. Dass enge, schnelle Wendungen mit Ball und großartige Pässe zu seinem Repertoire gehören, hat er bereits vorher angedeutet. Aber dass er zudem über eine Pferdelunge verfügt und starkes, aggressives Zweikampfverhalten hat, war überraschend und macht ihn zu unserem komplettesten Mittelfeldspieler. Sein Ausfall trifft uns enorm. Mit einem fitten Kevin würde ich mir über die kommende Saison keine Sorgen machen, aber dazu mehr in der Saisonprognose.

Über jeden Zweifel erhaben ist Oliver Fink. Auch er kann die Mannschaft mitreißen und lenken, aber nicht mehr in jedem Spiel und auch nicht immer über 90 Minuten. Zudem ist zu beobachten, dass er an manchen Tagen nicht so recht ins Spiel kommt. Optimal eingesetzt ist er als hängende Spitze/offensives Mittelfeld oder als einer von zwei Achtern. Hier kann er seine Laufstärke, Spielintelligenz und nicht zuletzt seine berühmten Grätschen bestens in Szene setzen

Wer aber kann die Rolle von Kevin Stöger einnehmen? Zwei Kandidaten scheinen dafür prädestiniert: Aymen Barkok und Lewis Baker. Aymen hat sich leider jetzt wieder schwerer verletzt, mir fehlt bei ihm aber weiterhin der letzte Wille und die Konzentration. In den Auftritten als zentraler Mittelfeldspieler fällt er durch schlampige Pässe und leichte Ballverluste auf. Bemerkenswert ist, dass er in letzter Zeit nach solchen Aktionen hinterher spurtet, um den Fehler wieder gut zu machen. Deutlich besser fand ich seine wenigen Auftritte auf der rechten Außenbahn, wo er seine technischen Fähigkeiten und durchaus vorhandene Antrittsschnelligkeit nutzen kann.

Und Lewis Baker? Er wird seine Zeit brauchen, sich an das Tempo und die Zweikampfhärte der Bundesliga zu gewöhnen. Schafft er diesen Schritt, wird er anfangs zu vielen Spielanteilen kommen.

Neben Erik Thommy und Thomas Pledl, die auch zentraler eingesetzt werden können, hat mich in den kurzen Einsatzzeiten, die er in Testspielen hatte, Johannes Bühler überrascht. Nach dem Gastspiel in Aalen, mit dem er wieder in geregelten Trainingsbetrieb kam, zeigt er hier in zentraler Rolle gutes Passspiel. Ich bin gespannt, ob er sich über regelmäßige Einsätze in der Zwoten für den Erstligakader qualifizieren kann.

Und dann ist da noch Kelvin Ofori, dem das Trainerteam jetzt schon einiges zutraut – schließlich wurde er nach guten Testspielauftritten im Pokalspiel für Nana Ampomah gebracht, der verletzungsbedingt rausmusste. Er ist sehr beweglich in der Spitze und macht unkonventionelle Dinge, die in der Bundesliga vielleicht überraschen können. Soweit ist es aber noch nicht, wir sollten Geduld mit ihm haben und uns freuen, wenn er soweit ist, regelmäßig im Bundesligakader zu stehen.

Wir sind mit Oliver Fink, Adam Bodzek und Marcel Sobottka solide aufgestellt, bei Alfredo Morales und Lewis Baker fehlt noch etwas, um Druck auf die Drei zu machen. Alles in allem ist das noch nicht das Herzstück, sondern ein fragiles Gebilde, es sei denn, einer der angesprochenen Spieler macht einen Qualitätssprung oder wir reagieren noch einmal auf dem Transfermarkt.