Der ungewöhnliche Herr Bebou

Eine lange Geschichte hat dann doch noch einen Abschluss gefunden: Ihlas Bebou verlässt kurz vor Transferschluss unsere Fortuna und wechselt nach Hannover. In Düsseldorf lässt er dabei knapp fünf Millionen Euro Transfererlös und eine hin- und hergerissene Anhängerschaft zurück. Der “Unterschiedspieler” (Zitat Funkel) geht und es fühlt sich an, als verlässt einen die heiße Sommer-Affäre nach wilden Nächten noch vor dem Frühstück und ohne Abschiedskuss.

In vieler Hinsicht ungewöhnlich

Ihlas Bebous Entwicklung bei Fortuna war für mich in vielen Aspekten ungewöhnlich. Mit 17 vom VfB Hilden in Fortunas U18 gewechselt kann man ihn quasi noch als Eigengewächs bezeichnen. Er durchläuft fix die U-Mannschaften und schafft fast auf Anhieb den Sprung in den Profikader, wo er dem geneigten Anhang dann das erste mal auf höchst dramatische Weise bekannt wird: Schädelbruch in der Vorbereitung. Direkt anschließend ein Knorpelschaden, gut anderthalb Jahre verpasst er den aktiven Spielbetrieb. Für die meisten Talente im Fußball (und davon gibt es viele) ist so eine Historie für gewöhnlich der Start in eine eher mittelmäßige Laufbahn oder oft schon das frühe Karriere-Ende.


Doch Bebou kommt zurück, wird von Askoy zum Ende der Saison 2014/2015 in die Startelf gehoben und macht auf Anhieb Laune. Blitzschnell, gute Ballbehandlung, Dribblings - in vielen Dingen eine echte Ausnahme im Fortuna-Kader. Aber auch ein Leichtgewicht, ein dürrer Junge, der sich oft und gern in zwei gegnerischen Verteidigern festläuft oder bei einem Rempler im Laufduell zu Boden geht.


In einer eher schwachen Truppe kann daher auch das junge Talent nur selten glänzen und sieht sich mit dem klassischen Alltag in Liga 2 konfrontiert. Allzu oft passt er sich an: wenig Arbeit nach hinten, frustrierter Trab nach Ballverlusten. Im Stadion ist man unsicher: packt der es oder trifft er sich am Ende eher mit den vielen anderen mäßig erfolgreichen Jung-Talenten in den Discotheken im Hafen?

Fortschritt und Theater

Bebou hat mich in der Folge überrascht. Während sich Fortuna aus dem oberen Mittelfeld der Liga mit viel Kasperletheater und dürftigsten Vorstellungen zielsicher in den Abstiegskampf vorgearbeitet hat, zeigte er eine durchgehende Entwicklung in den beiden letzten Spielzeiten.


Nach jeder Sommerpause war er körperlich ein ganzes Stück weiter: muskulöser, robuster und stärker in den Zweikämpfen. Seine Defensivarbeit und sein Einsatzwille beeindruckten, plötzlich stand er mehr und mehr im Dienst der Mannschaft. Und nach vorne zeigte er das, was bei seinem Vorgänge Bolly viel zu selten zum Vorschein kam: Tempo und Ballsicherheit. Auch seine größte Schwachstelle hat er nach und nach verbessert: Übersicht. Sah er vorher bei jedem Sprint vor allem Ball und Rasen, so nimmt er nun den Kopf hoch und die Mitspieler in den Blick.

 

Doch wo Talent ist, da sind Berater oft nicht weit. Und schon früh ging ein eher unglückliches Geschacher los, bei dem immer wieder über die Presse ein überzogener Anspruch und ein Wechselwille lanciert wurde. Zu gut für Fortuna, muss in die Bundesliga. Allerdings zu einem Punkt, wo der Flügelmann noch kaum tauglich für einen Stammplatz in Liga 1 gewesen wäre. Beim Anhang kam es weniger gut an - erst Leistung, dann große Klappe (anstatt anders herum).

Talent haben viele, die nötige Reife eher wenige

Was mich dann beeindruckte, ist die Reife mit der Bebou alle Themen anging. Das Theater schien ihn in seinen Leistungen nicht einzuschränken und er blieb sportlich vorbildlich. Und auch der Berater-Bullshit hörte langsam auf, hinter den Kulissen wurde nach wie vor verhandelt.

 

Fortuna hätte Ihlas Bebou gerne gehalten, schlussendlich wurden aber die Vertragsangebote allesamt abgelehnt. Das Ziel hieß Bundesliga, so wurde es offen kommuniziert. Und wieder verhielt er sich ungewöhnlich: die Leistung blieb konstant, der Einsatz vorbildlich. Wenn man das Geknatsche um andere Spielertransfers (vgl. Dembele beim BVB) betrachtet, ist das schon etwas Besonderes (wenn auch eigentlich im Grunde selbstverständlich). Und auch das vom Verein fast absurd angesetzte Preisschild von fünf Millionen Euro haben weder Berater noch Spieler kritisiert.

Die Diva wieder mal manisch-depressiv

Und nun ist er dann weg, kurz vor Schluss nach Hannover - dort war man tatsächlich bereit im aktuell irren Transfermarkt die aufgerufene Summe zu bezahlen. Zurück bleibt eine Stadt, die sehr plötzlich aus völlig verfrühten Aufstiegsträumen gerissen wird. Tabellenführer! Da muss doch diesmal was gehen - und jetzt verlässt uns das größte eigene Talent der letzten Jahre.


Sofort beginnt die depressive Phase, die der Manie in Düsseldorf ganz regelmäßig folgt: Aufstieg abgesagt, wo möglich Abstiegskampf. Wie bei der enttäuschten Liebe kommt dann auch der Trotz hoch: na so scharf war die Braut auch wieder nicht bzw. so toll ist Bebou auch nicht gewesen. Und außerdem: wie kann man denn nur nach Hannover gehen.


Hier tut man allen gleichermaßen Unrecht. Die aktuelle sportliche Situation ist eine Teamleistung, an der Bebou großen Anteil hatte, aber die ohne ihn sicher nicht im Fiasko enden wird. Der Spieler selbst hat sein Wort gehalten, sein Ziel erreicht und zugleich anständig bis zum letzten Tag Leistung gebracht. Hannover ist aktuell nicht gerade ein Top-Klub in Liga 1 - aber solide aufgestellt und wird Bebou vor allem sofort die nötigen Einsatzzeiten geben.

Das Leben geht weiter

Und unsere Fortuna hat einen Transfer-Rekord erzielt. Wir haben mehr eingenommen als für die letzten drei Top-Transfers zusammen. Wirtschaftlich hat der Vorstand hier alles richtig gemacht und sportlich wird sich zeigen wie Mannschaft und Trainer den Weg weitergehen können. Wir haben im April noch um den Klassenerhalt gezittert und sitzen nun an der Tabellenspitze auf einem Sack voller Geld. Sah schon mal schlechter aus für unseren Verein. Et hätt noch emmer joot jejange!