Randerscheinungen und Dorfvereine

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Von SvD

Wenn man sich außerhalb der reinen Sportausübung während des Spiels und der verbundenen Begleiterscheinungen (Transfers, Trainer,
Taktik) mit dem Fußball und vor allem seinen Fans beschäftigt, dann sieht die Welt schnell düster aus. Es wird gekämpft im deutschen Fußball: für die Tradition, gegen den Kommerz, für die
Pyrotechnik, gegen die Polizei und natürlich immer gegen den Gegner. Gegen Letzteren notfalls mit Fäusten, ist ja schließlich irgendwie auch schon Tradition.

Begleiterscheinungen, persönlich betrachtet

In
der ereignisarmen Winterpause war der Fußball zumindest bei mir gedanklich recht weit weg. Und so kamen mir die Erlebnisse der letzten Zeit doch recht skurril vor, wenn man einmal darüber
nachdenkt worüber sich so viele in einer Fanszene gerne ereifern. Nun muss man dazu sagen, daß mir der Hass im Stadion generell schon immer unerklärlich war. Was die einschlägige Szene als
“Emotionen” definiert und als Teil einer selbst definierten Fußballkultur ansieht, wirkt oft bizarr.

 

Ich
erinnere mich an eine Auswärtsfahrt nach Köln, bei der es Steine und Flaschen hagelte und selbst Familienväter nur beim Anblick gegnerischer Farben aktiv körperliche Auseinandersetzungen
offerierten. Beim Auswärtsspiel diese Saison auf St. Pauli rutschte den angereisten “Eventies” (O-Ton im Stehplatzbereich, weil der Gästeblock ausverkauft war und man weniger Platz als bei den
Auswärtsfahrten z.B. in Heidenheim hatte) der ein oder andere Aufmunterungsruf für die gegnerische Mannschaft nach Spielende heraus. Das gipfelte in aufgeregten Debatten unter dem mit den
Fanclub-Bussen reisenden Jungvolk beim ersten Raststätten-Stop hinter Hamburg. Wie man denn so etwas machen könnte und das man doch in Zukunft dann auch den eigenen Leuten solches Verhalten durch
körperliche Züchtigung austreiben müsste. Eine Forumsdiskussion brachte die Weisheit “Jeder Gegner ist mein Feind” eines, laut eigener Aussage durch das Stahlbad der Fußballkriege in den 80er
Jahren höchst erfahrenen, Schlachtenbummlers zu Tage.

 

Und
anderswo wird auf die gute alte Zeit der Hooligans referenziert, die man nicht gut finden müsse aber als Teil des Fußballs zu akzeptieren habe (sic!). Was darin münden soll, sich an
entsprechenden Trauer-Choreos für ein verstorbenes Mitglied der Szene zu beteiligen. Dies gab wohl vor dem Sandhausen-Spiel dann auch entsprechende Diskussionen in der organisierten Kurve.
Weniger Gerede war dann auf der Rückfahrt auf dem Radweg, als ein Fortune eine hinter sich ertönende Fahrradklingel als Herausforderung zum Faustkampf auffasste. Argument: er wäre die agressiven
Radfahrer leid und würde niemanden an sich vorbei lassen. Man solle auf Straße fahren anstatt dem breiten Radweg – und er würde “jedem auf die Fresse hauen” sollte er nochmal eine Klingel hören.
Wer keine Gegner hat, der macht sich halt welche.


Der
Fußball ist auch für die Zuschauer eine Bühne der Selbstdarstellung und notfalls bestimmt der Stärkere welches Stück gerade gespielt wird. Nun bitte: jeder nach seiner Facon, aber warum nicht
auch “leben und leben lassen”? Hass und latente Gewaltbereitschaft sind mir irgendwie nach wie vor unerklärlich und aus anderen Sportarten mit aktiver Anhängerschaft kaum bekannt. Irgendwie muss
man im Fußball wohl nicht nur für etwas (sein Team) sein, sondern auch irgendwie immer gegen etwas.

Tradition, Dorfvereine und moderner Fußball

Wer
so richtig etwas auf sich hält als Fan, der ist auf jeden Fall für Tradition und vor allem gegen den “modernen Fußball”. Wer sich so positioniert will aber nicht den Libero zurück oder verteufelt
mitspielende Torhüter und hohes Pressing. Der moderne Fußball ist alles was irgendwie mit Geld zu tun hat, und was das Geschäft und die Geschäfte rund um den Ballsport angeht. Moderner Fußball,
das sind “Projekte” wie Hoffenheim und RB Leipzig, sind Werksvereine wie Wolfsburg und Leverkusen, sind verbandseigene Fanclubs für die Nationalmannschaft. Und da ist durchaus in vielen Punkten
Kritik berechtigt, wenn die Welt der Kommerzialisierung auf Breitensport und Vereinsleben trifft.

Was
hält man nun also dagegen, wenn auf der einen Seite die Business-Bedrohung steht und man aber irgendwie sportlich auch nichts auf die Reihe bekommt (natürlich unverschuldet, die anderen kaufen ja
alles weg!)? Richtig, uns bleibt die Tradition! Wer sich auf Tradition besinnt, der macht alles richtig – denn früher war es doch besser. Früher gewann Fortuna Düsseldorf Pokale, Eintracht
Braunschweig hatte Weltmeister im Kader und der HSV war ein internationaler Spitzenclub. Tradition kann keiner wegnehmen, Tradition kann sich auch kein Red Bull kaufen.

Nun
ist das so eine Sache mit der Tradition, denn genau definieren mag die keiner. Alter gilt nicht, denn schließlich ist Hoffenheim auch irgendwie schon vor 100 Jahren irgendwann gegründet worden,
in Leverkusen wurde schon zur Kaiserzeit im Verein Sport gemacht und der Fußballclub der Domstadt ist ja erst nach dem Krieg ins Vereinsregister eingetragen worden. Tradition ist wohl irgendwie
“wir waren früher mal gut, erinnern sich aber die wenigsten dran, heute sind wir Durchschnitt, hätten aber besseres verdient”.

Und
damit sind wir bei den Dorfvereinen. Damit sind jetzt nicht wirklich die Kreisliga-Clubs aus tatsächlichen Dörfern gemeint, aber zumindest alle Clubs bei denen man geografisch nicht sofort in der
Kurve ausknobeln kann, an welcher Autobahnausfahrt sie denn liegen. Beispiele gefällig? Aalen, Sandhausen, Heidenheim, Sonnenhof-Großaspach oder auch Hoffenheim. Letztere haben aber Barmittel im
Großstadtformat, fallen daher inzwischen aus der Definition.

Ach, wären wir doch Dorfverein

Dorfverein,
das ist ein Spottname. Das sind doch die Jungs, die in der ersten Runde im DFB-Pokal mit Glück und Eisenstollen einen satten Erstligisten auf einem Rübenacker aus dem Wettbewerb treten. Die mag
es zwar manchmal auch schon 100 Jahre geben, aber Traditionsvereine sind das eher nicht. Und so wundert man sich dann mal wieder, wenn der Dorfverein Sandhausen dem beinahe Europokalsieger von
1979 zu Hause ganze drei Tore einschenkt.

Da
hört man dann die Klagen: wie kann man denn gegen so eine Truppe verlieren? Die sollten doch irgendwie auch gar nicht mitspielen dürfen, mit ihren 60 Auswärtsfans, ihrem winzigen Stadion und der
fehlenden Flughafenanbindung. Und doch sind sie da und stellen immer wieder mal den vermeintlichen Traditionsriesen ein Bein.

Denn
die Emotionen im Fußball machen blind. Blind für die vielen kleinen Erfolgsgeschichten rund um Kommerz, Tradition und Geldmacherei. Sandhausen hat sich mit kleinem Etat und guter Arbeit drei
Jahre stabil in der zweiten Liga gehalten (die erste Saison wären sie sportlich abgestiegen, profitierten aber vom Lizenzentzug des MSV Duisburg). Keine große Fanbasis aus Tradition, kein
namhafter Sponsor oder Mäzen. Keine mediengeilen Top-Transfers von Bundesliga-Altstars, kein Stefan Effenberg als Trainer.

Sandhausen
ist nur ein Beispiel, aber halt ein schmerzhaftes für die Fortuna. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, was alles möglich wäre mit unseren Mitteln. Sandhausen, Heidenheim, Mainz,
Freiburg… Erfolgsgeschichten. Und was alles Schlimmes passieren kann, wenn man nur noch von der Tradition leben muss (HSV, Alemannia Aachen). Hoffenheim und Leipzig wären ohne die dicke Kohle nie
so schnell in die Bundesliga gekommen. Aber ordentliche Nachwuchsförderung und eine Idee wie man Spiel, Kader und Mannschaft zusammen stellen will haben sie auch. In Wolfsburg kann man sehen, was
man bekommt, wenn man Geld ohne großen Plan ausgibt.

Anstand und Demut

Darum sollten wir demütig bleiben: wir sind auf dem Weg, aber noch lange nicht an Schmitz Backes vorbei. Offenheit und Toleranz sind
nicht nur Schlagworte für DFB-Kampagnen, sie können auch Erfolgsfaktoren für den eigenen Club sein. Man muss ja nicht unbedingt als erstes sehen wie die Geißbockfreunde flussaufwärts es
hinbekommen haben (sollte man aber mal), aber vielleicht beim ein oder anderen Dorfverein lernen wie die aus wenig viel machen. Und statt Flasche werfen evtl. mal Gläser klirren lassen mit denen
aus dem manchmal fast leeren Gästeblock. Sind oftmals auch nur nette Menschen, halt mit dem falschen Trikot.