Skandal! Fortuna gewinnt überraschenderweise!

Von SvD

Die Fortuna-Welt war am letzten Samstag in gewohnter und bekannter Ordnung: eine Auswärtsschlappe in der Fußball-Hochburg Heidenheim eingefahren, lahmer Auftritt der Mannschaft, Perspektive auf die kommenden Spiele gegen Bochum und Braunschweig düster. Soweit also alles so, wie es der leidgeprüfte Anhänger aus den letzten Saisons gewohnt ist.

Trainer unfähig, Spieler talentfrei, Vorstand abgetaucht

Nach dem blutleeren Auftritt gegen Fürth (immerhin am Ende ein 1:1) und der Niederlage in Heidenheim war es für den Internet-Mob auf Facebook und in den Fan-Foren klar: wir sehen einmal mehr dem Untergang zu. Sie taugen halt auch alle nichts, die wir da auf den Platz stellen. Bellinghausen: untalentiert, über-emotional. Fink: zu alt, als Spielmacher überfordert. Madlung: zu langsam für die Liga. Koch: ein Sicherheitsrisiko. Schmitz und Hennings: überschätzt. Rensing: ein Fliegenfänger.

Und der Trainer ein altmodischer Kerl, der nicht mehr kann, als eine Abwehrmauer aufbauen und zudem alle jungen Talente auf der Bank versauern lässt. Und was macht überhaupt der ehrenamtliche Sportdirektor, der hätte doch schon längst aktiv werden müssen!

Das klingt übertrieben? Für alle diese Aussagen lassen sich Belege finden, auf Facebook, in den Fanforen - und im ein oder anderen Gespräch in der Kurve sowieso. Genereller Tenor: das wird schon wieder nichts, mit den Spielern / der Taktik / dem Trainer gehen wir unter. Daher müssen sofort alle Stammspieler auf die Bank und alle dort üblicherweise sitzenden auf den Platz. Die sind ja schließlich jünger und williger - egal, ob die überhaupt schon mal zusammen gespielt haben. Die bislang gesammelten Punkte? Zufall! Stuttgart hätte ja einen Elfmeter bekommen müssen, gegen Fürth wäre eine Niederlage verdient gewesen, Lautern hatte ohne Ende Chancen.

Ist “Fortune sein” eine Bipolare Störung?

Man ist in Ansätzen geneigt diese Stimmungen teilweise(!) nachvollziehen zu können. Das Heimspiel gegen Fürth war wahrlich gruselig, der Auftritt in Heidenheim besser, aber nach wie vor ineffektiv. In der Tat ist die Mannschaft vor allem defensiv bislang gut aufgetreten, konnte aber offensiv eher wenig aus eigener Kraft erreichen. Wenn der Gegner aktiv Druck auf unsere Außen macht, stehen wir schnell blank da. Spielaufbau ist bislang noch nicht unser Ding.

 

Doch spulen wir zurück: was waren denn die Erwartungen? Klassenerhalt erst kurz vor knapp gesichert in der Vorsaison. Neuerlicher “Umbruch” im Verein, Spieler entlassen und mit wenig Geld ein paar junge Burschen verpflichtet. Saisonziel: nicht absteigen. Wie wohltuend war es diesen Sommer, wo einmal keine internen Grabenkämpfe die Vorbereitung bestimmt haben. Der Saisonstart durchaus gelungen, die ersten Punkte gesammelt und im Pokal eine Runde weiter. Spielerische Leckerbissen? Eher wenig. Kämpferische Mannschaft und positiver Support von den Rängen? In jedem Spiel.


Was ist das also, was den Fortuna-Fan nach den ersten etwas schwächeren Spielen sofort wieder den Untergang sehen lässt? Es hat etwas manisch-depressives: eine Woche Himmelhoch jauchzend, nächste Woche zu Tode betrübt. Wir sind halt Kummer gewohnt und Skepsis und Pessimismus scheinen tief sitzende Gefühle zu sein.

“Immer wenn Du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her”

Bei meiner Oma in der Küche hängt seit ich denken kann dieses kleine Gedicht an der Wand, was wohl fast jeder schon einmal (wenigstens den ersten Satz) gehört hat. Und das “geht nicht mehr” der Fortuna heißt “englische Woche” gegen Bochum und Braunschweig. Aber das “Lichtlein” erstaunlicherweise VfL Bochum.

Und so wurden am Dienstagnachmittag nach 14 Minuten alle Depressiven im Stadion und vor den Empfangsgeräten im Handumdrehen wieder zu begeisterten Anhängern der Mannschaft, aller Spieler und des Trainers. Ein unerwarteter Sieg, ein Gegner mit einem rabenschwarzen Tag. Und plötzlich ist die Welt wieder eine andere. In den Foren wird schon über mögliche Punktgewinne beim Auswärtsspiel in Braunschweig spekuliert.


Vielleicht sollten wir uns alle etwas abschauen bei unseren Oldies am Spielfeldrand: die Ruhe und Geduld, die Funkel und Hermann ausstrahlen. Denn nichts anderes brauchen wir in dieser Saison. Geduld, die schlechteren Tage zu ertragen und mit der nötigen Ruhe immer ein Stück weiter auf das Ziel hinzuarbeiten. Das Ziel sind 40 Punkte, 9 davon sind schon geholt. Es werden noch ein paar Niederlagen auf uns warten, hoffentlich auch ein paar schöne Siege. Und wer meint, daß wir mit wilden Wechseln von Aufstellungen und Trainern besser zu diesem Ziel kommen, der darf sich gerne nochmal an die letzten zwei Jahre zurückerinnern.