SVS-F95: Und alle hatten recht!

Von SvD

Man tat sich schwer vor dem ersten Ligaspiel die möglichen Leistungen, Erwartungen und Resultate unserer Fortuna in dieser Saison einzuschätzen. Und auch wir hier am ganz weit entfernten digitalen Spielfeldrand haben dann insgesamt drei unterschiedliche Vorahnungen gehabt.
In den einschlägigen Foren, echten und virtuellen Stammtischen herrschte wie üblich optimistischer Fatalismus: Wundertüte, Geheimfavorit, Abstiegskandidat… irgendwie war alles dabei. Wenn vor dem Spiel in Sandhausen etwas klar war, dann der Fakt, daß nichts wirklich abzuschätzen war. Und so wurde dann am Sonntag im Hardtwald-Stadion beim Stand von 2:2 abgepfiffen. Leistungsgerecht, wie man im Fußball-Deutsch sagt. Und in diesem Spiel war dann auch für alle etwas drin, um die eigene Meinung zu bestätigen.

Rechthaber und Schwarzseher

Mit erwarteter und eher auf Routine setzende Aufstellung ging es in Sandhausen auf den Platz. Bis auf Iyoha und Akpoguma hat die vielbeschworene Jugend eher auf der Bank Platz genommen. Doch hatte sich die neue Stammelf ja in den Vorbereitungen schon angekündigt und war gegen Malaga ja durchaus gut anzusehen. Dummerweise schienen die Spieler all das vergessen zu haben, als Schiedsrichter Perl in den Tongeber blies. Mit aus der letzten Saison schmerzlich gewohnter Unsicherheit und Verwirrung irrte die komplette Truppe über den Platz und suchte Ball wie System. Als man immerhin eins von beiden gefunden hatte, stand es dummerweise schon 2:0 für den angeblichen Abstiegsfavoriten SVS.

 

Und so konnte man sie schon in Gedanken hören, die Schwarzseher und “ich hab’s doch immer gewusst”-Rufer: nichts hat sich gebessert, der gleiche Käse wie letzte Saison. Und als Beobachter war man tatsächlich geneigt das Gesicht in den Händen zu vergraben angesichts der Leistung auf dem Platz. Die vermeintlich stabile Viererkette produzierte Bock um Bock. Das Mittelfeld verlor munter die Bälle, die Außen hatten einen miesen Tag erwischt. Und vorne rannte Fink bemüht durch die Gegend, um irgendwie irgendwas besser zu machen.

Rotation oder Routine?

In diesen Momenten ist dann oft die Stunde der Rotationsfreunde gekommen. Das ist die Spezies Fan, die grundsätzlich davon ausgeht, daß die Spieler auf der Bank es besser gemacht hätten. Das äußert sich dann in Denkzettel-Forderungen (“Schauerte muss einfach mal auf die Bank”) oder in genereller Verteufelung (“Lieber die Zwote spielen lassen, die sind wenigstens heiß drauf”). Das gilt ausnahmslos für alle Spieler, außer für Bellinghausen.

 

Und während man als Beobachter dann tatsächlich schon mit dem Gedanken spielte, wer denn hätte besser auf dem Platz stehen müssen, da kam Bewegung in die Sache. Irgendwie nach vorne, irgendwie in die Mitte, zweite Reihe Bodzek, Schuss, abgefälscht, Anschlusstreffer! Erste brauchbare Szene, eventuell müssen wir doch nicht alle austauschen. Man rettet sich mit zunehmenden Spielanteilen in die Pause.

 

Mit schier unglaublicher Ignoranz oder auch Fachwissen setzt sich indes Trainer Funkel über die lautstarken Facebook-Forderungen nach umgehender Auflösung der Mannschaft und sofortigem Einsatz der E-Jugend hinweg. Und schickt die gleichen 11 Mann auch zur zweiten Halbzeit aufs Feld! Statt junger Wilder weiterhin alte Säcke, die aber nach wie vor 2:1 zurückliegen. Da hatte Sandhausen aber beschlossen den Mut der ersten 25 Minuten lieber in der Kabine zu lassen, und fortan das Ergebnis zu verwalten.

 

Und so rotierte Funkel ausgerechnet Youngster Iyoha raus und dafür Ngombo rein, um zeitgleich Ikone Bellinghausen auf die Bank und Yildirim aufs Feld zu schicken. Wieder mal für jeden etwas dabei und spätestens mit dem Wechsel von Ritter (rein) gegen Gartner (raus) durften alle sich in ihrer jeweiligen Meinung bestätigt sehen.

Moral und Kampf statt Wunderstürmer?

Beseelt von starker Moral (“die Struktur in unserer Truppe ist hervorragend”) und beflügelt durch die frischen Einwechslungen sah man dann die andere Seite unserer launischen Diva. Druckvoll schob man den Gegner weiter Richtung Grundlinie, erarbeitete sich Gelegenheiten und manchmal sogar echte Chancen. Den Ausgleich hatte aber eher wieder Bodzek auf dem Fuß, statt einer der vielen neuen Offensiven, die jetzt auf dem Platz standen. Doch der gut getretene Freistoß ging über statt unter die Latte.

 

Also wieder ein Argument für den noch fehlenden Mittel-, Wunder-, Superstürmer? Der 15-Tore-Knipser mit Killerinstinkt? So recht konnte man das nicht beantworten. Iyoha und Ngombo sind bemüht, zu wirklichen Abschlüssen kamen sie aber kaum. Torgefährliche Außenspieler haben wir auf dem Papier genug, es muss ja nicht immer allein der Mittelstürmer richten. So lange weiterhin die Bindung im Spielaufbau, auch aus der Viererkette heraus, fehlt, so lange wird kein Stürmer der Welt bei uns vorne glänzen können.

 

Und so traf am Ende der Gegner. Erst ins eigene Tor zum verdienten aber irgendwie glücklichen Ausgleich. Und dann leider noch das Bein von Yildirim, dessen Schmerzenschreie nur den Schiedsrichter kalt ließen. Selbst die Spieler von Sandhausen hörten unmittelbar, und mit tüchtigem Schrecken im Gesicht, auf zu spielen. Für den vielversprechenden Demirbay-Nachfolger ist 2016 wohl erstmal gelaufen.

Alles auf Anfang

So bleibt ein Auftakt, der vieles offenbarte, aber wenig Klarheit schaffte. Moral und Kampfgeist waren da, die alten Fehler und Schwächen aber auch. Die “Alten” haben sich zwei Tore gefangen, aber auch eins geschossen und später gut Druck aufgebaut. Die Jungen durften zunächst kaum ran, haben später geholfen - aber auch nicht überragt. Optimisten, Pessimisten und alle anderen Fans, Beobachter und Gegner können und dürfen sich die Erkenntnisse mitnehmen, die sie finden.


Mit dem Auswärts-Punkt darf man am Ende zufrieden sein. Der Rest ist, wie immer, steigerungsfähig. Gegen Stuttgart wird sich zeigen, wie stabil die Mannschaft wirklich ist - die Herausforderung wird deutlich größer. Es bleibt eine offene Saison für die Fortuna.