Saison-Prognose (2): Der Riese schläft weiter

Von SvD

Als Fortuna-Fan folgt man in den letzten Jahren offenbar einem immer gleichen Rhythmus: voller Zuversicht in die Saison, anfängliche Begeisterung, kurzfristige Ernüchterung, kritische Betrachtung, Winterpause, offene Unzufriedenheit, laute Ablehnung, trotzige Anfeuerung, finale Resignation, Saisonende. Dann ist man froh, wenn man sich mit Champions League, EM, WM oder im Notfall auch anderen Sportarten im Sommer etwas entwöhnen kann. Kurz vor dem Start hingegen, bauen sich Spannung und Zuversicht jedoch wieder zu einem irrwitzigen Jucken im Hinterkopf auf. Wagen wir einen Ausblick…

Günter, Robert und der Riese

Günter Netzer (WM-Held, Fernseh-Clown und Fußball-Vermarkter) hat 2009, noch zu Zeiten der 3. Liga, unsere Fortuna als schlafenden Riesen bezeichnet. Da hatte der damalige Aufsichtsrat-Vorsitzende Dr. Kall gerade mit eben jenem Günter einen Vertrag geschlossen. Netzers Firma Infront erhielt die Vermarktungsrechte der Fortuna. Am Erwachen des “Riesen” war der Sidekick von Gerhard Delling also damals auch monetär interessiert. So lief die Geschichte dann ja eigentlich ganz gut für uns. Der Weg ging holprig, aber konsequent, bis in Liga 1. Den Rückweg haben wir dann aber ähnlich schnell angetreten, und fast wären wir in dieser Saison wieder am Ausgangspunkt von 2009 angekommen.

 

Nun nimmt unser neuer Vorstandsvorsitzender Robert Schäfer wenige Tage vor dem Saisonstart die gleiche Wendung in den Mund. Er möchte den schlafenden Riesen gerne wieder wecken, aber mit kleinen Schritten. Und erstaunlicherweise scheint die Führungsriege des Vereins fast kollektiv vom großen Ziel zu sprechen: Rutemöller lässt “die erste Liga winken”, Funkel sieht seine Mannschaft sogar gleichauf mit allen Teams außer Hannover und Stuttgart.

Wir sind die Fortuna, wir können alles!

Beim Gang von der Kabine zum Rasen in der Arena prangt eben dieser Spruch nun in großen roten Buchstaben an der weißen Wand. “Wir können alles” hieß leider allzu oft in letzter Zeit, daß wir auch alles mögliche anstellen. Fast Absteigen mit einem zu teuren Kader zum Beispiel. Statt Spieler gegen Ablöse verkaufen zu können, konnten wir im Sommer Verträge mit Abfindung auflösen.

Viele in Düsseldorf wären froh, wenn wir einfach mal Fußball könnten - statt Querelen, Politik, Trainerwechseln und Hick-Hack. Daher ist es gut, wenn wir uns immer wieder sagen “wir können alles”, es ist gut, wenn der Vorstand sagt “wir können mehr”, und wichtig ist, daß wir es endlich wieder einmal zeigen.

Umbruch oder Aufbruch?

Weg von den Metaphern, hin zu “auf’m Platz”: der Umbruch in der Mannschaft und im Verein ist grundsätzlich begrüßenswert. Die Jugend soll es richten, das zeigen zumindest die Transfers. Der Kern und die vielbeschworene Identität wurden aber erhalten, sogar eher ausgebaut: Fink, Bodzek, Bellinghausen, Rensing… echte Typen, denen man die Fortuna ansieht und abnimmt. Und so stand gegen Malaga im Testspiel letzte Woche eine sehr bekannte Mannschaft auf dem Platz.


Was dort angeboten wurde war gar nicht so verkehrt. Einsatzwille, Lauffreude, Bissigkeit haben gestimmt. Defensiv sogar ordentlich gegen spanische Techniker, die aber auch selten richtig aufdrehen wollten. Vorne dazu sogar eine Überraschung! Nein, nicht die Diva Bebou, der sich bald entscheiden muss, ob er sich mit dem Stempel “ewiges Talent” auf die Bank setzen lässt oder langsam mal Ehrgeiz und Einsatzwillen entwickelt. Auch nicht Iyoha, der schon im Testpiel bewies, daß er all das hat, was Bebou derzeit fehlt. Die große Überraschung ist Oliver Fink, der seinen zweiten Frühling bei Fortuna hat. Offensiv, spritzig, überall zu finden. Er ist der Leader im Team, immer präsent und spielstark wie lange nicht mehr.

Und so war es nicht so verwunderlich, daß die Neuzugänge gar nicht groß in der Anfangsformation standen. Das Gerüst ist eingespielt, wenn auch immer noch individuelle Fehler und Unsicherheiten das Ergebnis bestimmt hatten. Die Jugend hingegen zeigte in der 2. Halbzeit gegen Malaga, was sie anbieten kann. Kiesewetter mit starken Sprints auf außen, Ngombo körperlich präsent aber noch nicht ganz eingebunden, Ritter mit einem guten Standard, Yldirim und Duman mit Spielfreude… Wir werden sicherlich den ein oder anderen recht bald in der Liga auf dem Platz sehen. In der Startelf auf Kontinuität zu setzen, ist aber keine schlechte Idee von Funkel.

Kleine Brötchen statt Sahnetorte

Doch was ist zu erwarten von dieser Mannschaft? Ein besonderer Tabellenplatz? Soll man ein Saisonziel ausgeben? Wie viel Geduld soll man haben, wann und wie muss man noch nachverpflichten?

 

Von Liga 1 zu träumen ist erlaubt, das aber vor der Presse zu tun ist momentan vermessen. Die Mannschaft stark zu reden, ist richtig - Erwartungen auf obere Tabellenplätze zu schüren ist aber eher unseriös. Dieses Team muss 40 Punkte erreichen, die Klasse halten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir sind in der letzten Saison haarscharf am Abstieg vorbei geschrammt. Wir haben zwei Jahre Chaos auf allen Ebenen im Verein hinter uns. Fortuna kann vielleicht alles, aber derzeit sind wir ein mittelmäßiger Fußball-Club mit beschränkten Mitteln. Wir sollten diese Demut annehmen und das Beste daraus machen.


Daher erwarte ich von meiner neuen Mannschaft nicht viel: bringt Freude und Einsatzwillen mit, kämpft um jeden Ball und sammelt genug Punkte, damit wir gemeinsam nächstes Jahr größere Pläne machen können. Ich stehe hinter Euch!