Rheinisches Bauerntheater

Von SvD

Ein Fußball-Club ist ein Verein. Mit Mitgliedern, Satzung, Ehrenämtern, Wahlen und all dem zwischenmenschlichen und familiären Klüngel, den man in einem Verein erwartet.
Ein Fußball-Club mit einer Profi-Mannschaft ist aber auch ein Unternehmen. Mit einem Vorstand, Geschäftsführer, Aufsichtsrat, Bilanz und Mitarbeitern, die gegen Bezahlung bestimmte Leistungen liefern sollen.


Bei Fortuna Düsseldorf kann man sich nie so ganz sicher sein, was gerade die eigene Identität ausmachen soll.

Neulich im Millowitsch-Theater

Als ob die vergangene Saison nicht schon als Tiefpunkt der jüngsten Entwicklung ausgereicht hätte, suhlt man sich vor und hinter den Kulissen derzeit genüsslich im Schlamm. Ganz wie in den Aufführungen der Provinztheater geht aus jeder Richtung ein Türchen auf, und ein neuer Akteur steht auf der Bühne und klopft Sprüche. Abgang nach links, neuer Auftritt von rechts - und umgekehrt. Und die versammelte Öffentlichkeit (Medien, Fans, Mitglieder) gibt das johlende und pfeifende Publikum, oder versucht gleich mit auf die Bühne zu springen.


Nach den bereits zurückliegenden Highlight-Vorstellungen “Mitglieder wählen komische Kandidaten in den Aufsichtsrat”, “Schulte und Kall sind an allem Schuld” und “Vier Trainer in einer Saison” wird nun ein neues Stück rund um Vorstand und Aufsichtsrat inszeniert.

Dramatis Personae

Die Lage nach Ende der Saison ist eigentlich übersichtlich: mit Robert Schäfer gibt es wieder einen Vorstandsvositzenden, Paul Jäger und Sven Mühlenbeck machen ihre Jobs weiter, Manager Azzouzi musste gehen. Trainer Funkel wiederum darf bleiben. Im Aufsichtsrat hat Reinhold Ernst den Vorsitz.


In den Nebenrollen, aber für die Inszenierung verantwortlich: Bild, Express, RP und WZ, sowie Wolf Werner und Peter Frymuth. Im Publikum die interessierten Fans, Mitglieder, der Facebook-Mob und als Zwischenrufer die Schreiberlinge diverser Blogs wie wir hier.

Die Inszenierung

Die eigentlichen Aufgaben derzeit sind klar: neuen Sportdirektor suchen, Kader für die nächste Saison aufstellen, Laden aufräumen. Daraus lässt sich nun aber nur schlecht ein abendfüllendes Stück machen. Und weil da so wenig an die Öffentlichkeit kommt, fühlt sich das Publikum irgendwie schlecht unterhalten.

 

Und so beginnt das Spiel fast zeitgleich in der Rheinischen Post und der WZ. Thomas Schulze von der RP titelt mit “Paul Jäger kaltgestellt”  und behauptet der Finanzchef habe Redeverbot vom neuen Chef Schäfer erhalten. Nun ist besonders die Konstellation Schulze/Jäger interessant, da hier öfter mal von Ersterem scharf geschossen wird - da werden dann die Fakten auch gerne mal gebogen bis die Story passt (man beachte dazu diesen Artikel und die aufklärenden Kommentare darunter).

 

Und so folgt innerhalb weniger Stunden das Dementi “Kein Maulkorb für Jäger” und Schulze muss sich korrigieren. Nicht ohne dabei den grandiosen Satz “Die Nachricht über Jägers Maulkorb hatte für erhebliche Unruhe im Verein gesorgt” niederzuschreiben. Da haben wahrscheinlich selbst die Kollegen der Bild gestaunt: Gerücht in die Welt gesetzt und noch in der “Gegendarstellung” das eigene Gerücht als Beweis für “da läuft doch was im Hintergrund” eingesetzt. Respekt, das nennt man dann Sportjournalismus.

 

In der WZ hingegen kommt Wolf Werner zu Wort: “Fortuna steht vor einem Riesenabgrund”. Das Interview wird eingeleitet mit “Werner macht sich große Sorgen”, was unvermittelt an Uwe Seeler erinnert - leider nicht die einzige Parallele der Fortuna zum HSV derzeit.

Und dann wird ausgeteilt: die vielen Abfindungen könnten Veruntreuung von Vereinsvermögen sein, der Aufsichtsrat mische sich zu sehr ins Tagesgeschäft ein, Reinhold Ernst und er seien “Welten” auseinander, die Fortuna-Familie verliere ihr Herzblut.

Die WZ sorgt aber direkt für Ausgleich und lässt Ernst sowie Schäfer im Interview ihre Sicht der Dinge darlegen. Fazit: man arbeite eng zusammen, aber jeder nimmt seine Rolle wahr. Aufsichtsrat bestimmt den Vorstand (u.a. die Suche nach dem Sportvorstand), Schäfer & Co treffen die übrigen Personalentscheidungen.

 

Das der ein oder andere dann zu guter letzt noch Peter Frymuth ein paar Statements entlockt hat, rundet das Bühnenstück ab - wenn gleich kein neuer Aspekt mehr dazu kam. Und das Publikum in den Kommentarspalten, Foren und auf Facebook ist ratlos wie es diese Info-Fetzen, Gerüchten und Behauptungen noch bewerten soll. Dem Stück fehlt die Pointe, doch für Aufsehen ist gesorgt.

Romantiker gegen Business-Kasper?

Quer durch die Medien, und vermeintlich durch den Verein, scheint also ein Graben zwischen den “Fußball-Romantikern” und den “Fußball ist ein Geschäft”-Managern zu laufen. Und in der Tat mag dieser Graben existieren: der Verein ist seit dem Bundesliga-Abstieg im Spannungsfeld zwischen Professionalisierung und Identitätsfindung. Das daraus nun ein Grabenkampf gemacht wird, das liegt wohl mehr an den Schau- und Streitlustigen. Denn eine sachliche Debatte findet schon lange nicht mehr statt.

 

In der Tat scheinen Schäfer und Ernst ein enges Team zu bilden, so ja auch die gemeinsame Kommunikation in der WZ. Da der Aufsichtsrat den Vorstand eingestellt hat, liegt das doch grundsätzlich in der Natur der Sache. Und auch Robert Schäfer hat bislang seine Zeit genutzt und Entscheidungen getroffen: Rachid Azzouzi muss gehen, Friedhelm Funkel bleibt, Verträge mit Fink, Bellinghausen, Schmitz und Gartner wurden verlängert. Dies entspricht alles den Erwartungen und sogar den Wünschen des Fan-Volks.


Wenn ein neuer Chef kommt, dann wird von diesem auch erwartet zu gestalten. Diesen Spielraum nimmt Schäfer wahr und seine Kommunikation nach außen wirkt klar und entschlossen. Das mag man als herzlose Sanierung empfinden, oder als notwendige Professionalisierung. Fortuna hat in den letzten zwei Jahren eine Außendarstellung auf dem Niveau des HSV oder des früheren FC Kölns abgegeben.

 

„Es gab genug Zeit eine Scoutingabteilung aufzubauen, die haben wir nicht. Und es gab ein halbes Jahr lang keine Tagung zwischen sportlicher Leitung und dem Nachwuchsleistungszentrum.“

Robert Schäfer im Express

Ohne einen professionellen Auftritt, ein solides Management und ordentlich geführte Geschäfte wird kein Verein im Profi-Sport ein wünschenswertes Leistungsniveau erreichen können. Wenn vehement verdiente Ex-Spieler für Führungspositionen eingefordert werden und nach drei Niederlagen in Folge die gesamte Mannschaft dann aber bitte durch das Regionalliga-Team ausgetauscht werden soll, dann hat das nichts mit Professionalität zu tun.

 

Interessiert sich noch jemand für Fußball?

Sportlich ist das Ziel für die kommende Saison schon klar: Klassenerhalt bzw. 40 Punkte. Alles andere ist Bonus. Denn in dieser Hinsicht ist Demut angesagt.

 

Die Kasse scheint leer, zu sehr zehren die Fehlentscheidungen der letzten Jahre am Budget. Im Kader wird es daher kaum Überraschungen geben, hier wird man kleine Brötchen backen. Doch auch das entspricht dem Wunsch vieler: mit jungen Spielern mittelfristig etwas aufbauen, den Nachwuchs stärken.

 

Aufsichtsrat, Vorstand und Trainer-Team sollen ihren Job machen und machen können. Wer jetzt ein Theater inszeniert, gleich wieder alles in Frage stellt oder den nächsten Umsturz anzetteln will: was nutzt es uns und dem Verein?


Ein vollständiger und solide arbeitender Vorstand, eine Saison im sportlichen Niemansland mit vielversprechenden jungen Talenten und ein Trainerstuhl, der mehr als 6 Monate den gleichen Besitzer hat. Das alles wäre ein Erfolg und ein erstes Anzeichen, daß es funktioniert. Dem Verein, der Stadt und den Laiendarstellern im derzeitigen Bauerntheater wünscht man, daß sie die nötige Ruhe dafür finden.