Ein St.-Pauli-Fan am Rhein: "So riecht nur Düsseldorf"

Ein Gastbeitrag von Thilo: St.-Pauli-Fan, Groundhopper und leidgeprüft. Er hat mit uns das 1:1 seiner Hamburger gegen unsere Diva gesehen und seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht.

 

So riecht nur Düsseldorf

Als Kerem Demirbay - der HSV'er, na klar - zwischen versteiften, aber immerhin buntbeschuhten Abwehrspielern zum 1:0 einnickt, steigt mir auf den Stehtraversen des Gästeblocks der chemisch-derbe Duft eines Chili-Cheese-Burgers in die Nase: die klebrige Süße des Analogkäses, die penetrante Schärfe der Aromastoffe, die rohe Kälte der Hackmixtur aus gefühlt drei Dutzend Rindern. Hachja, so riecht nur Düsseldorf.

Die Hinfahrt des Todes

Nun ist genannter Chili-Cheese-Burger keine Neuheit im sündhaft teuren Catering-Angebot an euren Stadion-Fressständen, sondern bereits seit sechs Jahren mehr schlecht als recht verdaut. Aber der Geruch der Bulettenkreation verfolgt mich bis heute - immer, wenn ich an Auswärtsspiele bei der Fortuna denke.

 

Die Fettbombe stand einst auf der Tageskarte eines großen Burgerimperiums und brachte als solche großes Unheil in die Welt, zumindest aber, das ist verbürgt, in den Innenraum meines damaligen Autos, mit dem es im April 2010 zur Auswärtsfahrt an den Rhein ging.  Zu viert machten wir uns an jenem Ostermontag auf den Weg nach Düsseldorf, manche hoffnungsfroh, andere skeptisch, einer mit Kohldampf. Und so genehmigte sich der Herr an einem Rastplatz eben jenen verhängnisvollen Fleischberg zwischen zwei Brötchenhälften, der in der Folge ein rabiates, ja radikales Eigenleben im Darm des Verkosters begann.

 

Die daraus resultierenden Ausdünstungen aus verschiedensten Körperöffnungen durften auf der Reststrecke - knapp 200 Kilometer inklusive mehrerer Stauphasen - die drei Mitfahrer bestaunen oder besser beriechen. Ohne ins Detail gehen zu wollen: der menschliche Körper, soviel lernten wir an dem Nachmittag, ist zu VIELEM im Stande, und: es ist auch mit viel Fantasie nur schwer vorstellbar, welche Geruchsnoten durch die mutwillige Übergärung eines Fremdkörpers mit Alkohol entstehen können.

Axel, der Heizkörper

Jener Duft ist es also, den mir Kerem Demirbay unwiderruflich in meine Nase zurück köpft. Fünf Minuten sind rum an diesem Abend und es geht schon wieder los. Auch das Chili-Cheese-Spiel ging damals 1:0 verloren, mit Max Kruse, Matthias Lehmann und Bastian Oczipka in der Startelf - Namen aus einer nahen und doch so fernen Zeit. Tja, wenn die Jungs das anno 2010 schon nicht geritzt bekommen haben, wie soll es dann erst jetzt werden mit einem tischgroßen Stürmer, dem jeder Ball kunstvoll verspringt und einer Abwehrreihe, dynamisch wie Topfpalmen.


Gott sei Dank kriege ich jetzt das erste Bier in den Nacken, die Plörre ertränkt die nasale Fata Morgana aus triefendem Hack und Gewürzgürkchen. Doch schon folgt der nächste Schock: Auf links sprintet ein Roter, grazil wie ein Heizkörper, über den Rasen. Sein Kopf, heftig bebend, scheint jeden Moment zu platzen - nichts für mich, bin ich doch Blutphobiker. "Keine Angst", sagt mein Nebenmann, "ist nur der Bellinghausen".

 

DER Bellinghausen. Der schon 2005 dabei war, als ich zum ersten Mal nach Düsseldorf kam. Regionalliga Nord, Freitagabend. Unser Bus war gefühlt acht Stunden vor Anpfiff am Stadion, eine halbe Ewigkeit hockten wir im Oberrang, bevor die Abreibung losging: 0:3, zurück auf die Autobahn, Aufstieg abgehakt. Axel Bellinghausen. Kerem Demirbay. Chili-Cheese-Burger. Kann es noch schlimmer kommen?

 

Immerhin stehe ich die heutige Klatsche nicht alleine durch. Mein besagter Nebenmann hatte nämlich erst kurzfristig zum Stadiongang eingewilligt. Warum auch immer hat er sich in der Vergangenheit immer wieder um einen Besuch in Düsseldorf gedrückt. Beste, weil schlechteste Ausrede, beim Chili-Cheese-Spiel: "Sorry Leute, ich schaff es echt nicht. Ich muss noch ein IKEA-Regal aufbauen." Ja, wer kennt das nicht. Da möchte man UNBEDINGT zum Fußball und dann kommt einem eine dieser wahnsinnig komplexen, zeitlich an einen ganz bestimmten Termin zu verrichtenden Aufbauarbeiten von schwedischen Möbelstücken in die Quere. Kollege Nebenmann hat sich mit dieser Entschuldigung gleichzeitig einen Platz in der Hall of Fame wie auch der Hall of Shame unseres Fanclubs gesichert - schafft auch nicht jeder.

Zur Rückreise: Beide Nieren noch drin!

Während ich mir vorzustellen versuche, wie mein Kumpel Stunden über Stunden unter einsetzendem Tränenfluss die Billy-Aufbauanleitung anstarrt, unempfänglich für deren Inhalt, gibt Braun-Weiß derweil auf dem Rasen alles, um den Dämonen von einst weiter Nahrung zu geben. Eigene "Angriffe" werden auf Höhe der Mittellinie konsequent eingestellt und landet doch mal ein Ball zufällig bei Jürgen Klinsmanns US-Sturmhoffnung Fafa Picault, vertändelt dieser sogleich sportlich fair den Ball.

 

Dass eben jener Filigrantechniker 20 Minuten vor Schluss doch noch den Ausgleich knipst, hätte mich theoretisch mein Augenlicht und meine linke Niere gekostet, die ich easy verwettet hätte auf die Null, die vorne gehalten wird - tja, hätte mich jemand gefragt. Davon, dass der FC in der zweiten Hälfte "deutlich besser wurde und das Spiel in die Hand nahm", wie es in Zusammenfassungen später hieß, habe ich im Stadion nur wenig mitbekommen. Stattdessen sah ich in erster Linie einen Gastgeber, der nicht den Mumm hatte, weiter sein Ding durchzuziehen.

 

Kann aber auch sein, dass ich da zu streng bin mit der eigenen Elf.Vielleicht schlummert am Ende des Tages ja doch ein kleiner Masochist in mir; einer, der verlieren will, gegen elf Axel Bellinghausens in HSV-Trikots, die während ihrer Sprints Chili-Cheese-Burger in sich reinstopfen und dann permanent mit Rückenwind Richtung Fankurve brachial aufstoßen.


Robert Schröder befreit mich schließlich mit seinem Schlusspfiff aus meinen Träumen und 30.000 andere von seiner manchmal etwas "unglücklichen" Spielleitung. Ein Punkt. Ist doch mal ein Anfang. Gut, vor zwei Jahren haben wir mal 2:0 gewonnen, auch das mit mir auf der Tribüne, aber den Erfolg hatte ich der Mannschaft eigentlich als einmaligen Ausrutscher durchgehen lassen.


Macht nichts, man nimmt mit, was man kriegen kann. Also zurück zur Bahnstation, wo der Düsseldorfer Anhang jedes Jahr aufs Neue seinen ansonsten so sympathischen Eindruck selbst zerstört. Wie können Leute, die nicht nach Fußball aussehen sondern nach Tag der offenen Tür am Flughafen oder verkaufsoffenem Sonntag im Gartencenter, sich wie die getriebenen Kühe in die Bahnen pressen, als gäbe es kein Morgen? Eine Antwort seid ihr mir schuldig.

 

Nun denn, zurück zum Hauptbahnhof, Verpflegung: ein CHEESE...Baguette und Abfahrt. Bis zum nächsten Mal, Düsseldorf, denn: Du bist (fast) immer eine Reise wert!

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