Fortuna in Freiburg: Hurra, wir leben noch!

Enttäuschung, Trauer, ungläubiges Kopfschütteln - die in letzter Zeit üblichen Reaktionen nach Spielen der launischen Diva vom Rhein. Und auch am 21. Spieltag sah man nach dem Abpfiff diese Gefühlsregungen - allerdings bei Freiburger Fans und Spielern. Fortuna hatte das völlig Unerwartete geschafft und dem Sportclub auf eigenem Platz die Punkte entführt. Mit einer tollen taktischen und kämpferischen Leistung, begleitet vom nötigen Glück, stand am Ende ein 1:2 aus Sicht der Freiburger auf der Anzeigetafel. Marco Kurz hatte dem rot-weißen Trümmerhaufen Leben eingehaucht.

"Die Forderung an die Mannschaft war, mutig und entschlossen aufzutreten"

Marco Kurz

Es war in der Tat erstaunlich, wie da plötzlich eine Mannschaft mit unbedingtem Willen und Einsatz auf dem Platz stand. Nach dem 4-4-2 gegen Heidenheim wurde auf ein defensiveres 4-2-3-1 umgestellt, gegen den Tabellenzweiten durchaus erwartbar. Überraschenderweise wechselte Schmitz auf die "Sechs" neben Avevor und Bellinghausen rückte als Linksverteidiger nach. Demirbay auf seiner gewohnten Position im offensiven Mittelfeld und davor Djurdjic als Spitze. Bebouh musste auf die Bank (wie auch Pohjanpalo) und Sararer durfte wieder ins Team, zudem sollte sich Mavrias nun auf Rechts beweisen.

Doch es waren nicht unbedingt diese Umstellungen, die überraschten, sondern der starke Auftritt von Beginn an. Kurz ließ die Truppe agressiv pressen und so liefen Djurdjic und Co. vorne sogar Freiburgs Torwart Schwolow im Vollsprint an, um Druck aufzubauen. Die Breisgauer kamen kaum in ihr Kombinationsspiel und wenn doch, dann machte Fortuna auch defensiv vieles richtig. Flugs schoben zwei Viererketten über den Platz und räumten mit kernigen Zweikämpfen eine Menge Bälle ab. Statt riskanter Passversuche und eigenem Ballbesitz wurde der Ball gerne im Zweifel mal deftig Richtung Tribünendach gedroschen.

"Wir wollten von Anfang bis Ende alles reinwerfen, was wir haben, und das ist uns gelungen"

Sercan Sararer

 

Damit zeigte sich, was möglich ist, wenn man als Team auftritt. Denn ohne Fehler war das Spiel der Rot-Weißen auch nicht. Doch jeder rannte für den Nächsten mit, es wurde gesprintet und gegrätscht, daß der Rasen in Fetzen durchs Stadion flog. Und während die Lokalpresse gerade die spielerische (Demirbay) und kämpferische (Sararer) Leistung lobt, muss auf die eigentlichen Matchwinner hingewiesen werden: Michael Rensing und Marco Kurz.

Rensing spielt wahrscheinlich eine seiner besten Saisons seit langem und hat sich, trotz den Wirrungen der Fortuna in den letzen zwei Jahren, in jeder Hinsicht weiter entwickelt. Mit Präsenz und Ruhe arbeitet er harmonisch mit seiner Innenverteidigung zusammen, leitet das Team mehr und mehr. Sein Strafraum- und Stellungsspiel ist variantenreicher und mutiger, längst hat er die Enge des Fünfmeterraums hinter sich gelassen. Und auf der Linie bleibt er Spitzenklasse, verhinderte auch gegen Freiburg mit bärenstarken Reflexen ein ums andere mal die gefährlichen Abschlüsse des Gegners.

Marc Kurz dagegen hat bewiesen, daß er die Mannschaft erreicht und gegen einen starken Gegner einen guten Plan aufstellen kann. Die stabile Defensive zeigte sich schon gegen Heidenheim, gegen Freiburg aber hat er taktisch das gesamte Stück hinbekommen. Kompakt stehen und gleichzeitig agressiv und früh pressen - ohne die Ordnung zu verlieren. Das war der Schlüssel zum Erfolg, die Spieler auf dem Platz haben seinen Plan verstanden und mit Willen umgesetzt. Nach dem Ausgleich zum Pausenpfiff kam man nicht mit gesenktem Kopf sondern mit Kampfeswillen aus der Pause, recht so! So rackerte Kurz bis zum Ende mit, und selbst im Fernsehen waren seine unermüdlichen Anfeuerungsrufe in der letzten halben Stunde deutlich durchs Stadion zu vernehmen.

"Dieses Auftreten muss auch die Messlatte für die nächsten Spiele sein"

Marco Kurz

Bevor nun aber die Euphorie ausbricht (Paul Jäger schwärmte nach dem Spiel schon vom Potential für einen einstelligen Tabellenplatz): ein Sieg macht noch keine Serie. Die hohe Intensität hat Kraft gekostet, aber das nächste Spiel ist immerhin erst am Montag. Doch es wurden auch insgesamt sechs gelbe Karten gesammelt, bei Demirbay bereits die vierte - baldige Sperre also möglich. Und längst nicht jeder zeigte am Sonntag, daß er bereit und fähig ist solche Spiele mitzugehen. Pohjanpalo und Bolly kamen spät, zeigten aber auch in den letzten 20 Minuten nicht einmal annähernd die Spritzigkeit, die ein Sararer oder Bellinghausen noch in der 85. Minute zum Vollsprint bewegte.

So ist das Rennen beim nächsten Heimspiel gegen Nürnberg wieder völlig offen. Der Gegner wird kaum leichter, aber wohl nicht ähnlich bespielbar sein. Schließlich kann man zu Hause kaum erwarten, daß die Franken das Spiel machen werden/wollen. Das Team wird zeigen müssen, daß es weiter vorangehen kann und will.