Breisgaudi - Vom Glücksgefühl in der Niederlage

Der Abpfiff ertönt. Die Spieler in rot purzeln erschöpft auf den Rasen. Fortuna verliert zu Hause 1:2 gegen den SC Freiburg. Die Tabelle am des Samstag Nachmittags zeigt die Diva auf Platz 17. 1 Punkt aus den ersten vier Pflichtspielen. Die nackten Zahlen sehen düster aus.

Der Fehlstart ist also perfekt. Im Pokal mit Dusel weiter, in der Liga mit Blickrichtung Abstieg. Die Neuzugänge treffen das Tor nicht und der nominelle Spielmacher Liendl wird wohl nach München wechseln. Würde nicht die Sonne einen herrlichen Spätsommertag anbieten, man könnte sich in Depressionen flüchten.

 

Die bekommt man dann spätestens mit Blick auf die digitale Fangemeinde. Spätestens jetzt ist für den Facebook-Mob die Sache klar: die seelenlosen Söldner-Einkäufe haben allesamt gefloppt. Fortuna steht endgültig vor dem Untergang und wenn jetzt nicht Vorstand, Trainer und die meisten Spieler umgehend ersetzt werden, dann ist Freialdenhoven bald keine Erinnerung an schlechte Tage sondern das nächste Auswärtsspiel.

 

Doch kann es wirklich nur an dem schönen Sonnenschein und drei Radlern gelegen haben, dass ich das Stadion mit einem guten Gefühl verlassen habe? Ich mag auch nicht der einzige gewesen sein, denn das vermeintliche Debakel endete im Stadion nicht gerade mit einem Pfeifkonzert nach Abpfiff. Mannschaft und Fans waren zwar sichtlich enttäuscht, aber spendeten sich gegenseitig aufbauenden Applaus. Und das völlig zu recht. Der Optimist konnte im heutigen Spiel eine Menge erkennen - eine Menge guter, frischer und vielversprechender Dinge. Es war eine unverdiente Niederlage, wenn gleich unsere Diva sie sich selbst zuzuschreiben hatte.

 

Trainer Kramer begann mit einer leicht veränderten Truppe. Erste Überraschung: Michael Liendl stand nicht einmal im Kader. Die Wechselgerüchte um ihn scheinen sich damit wohl zu bestätigen, zumal nichts über eine Verletzung bekannt ist. Da Liendl bislang in allen Spielen auf dem Platz stand musste damit die erste Umstellung her. Wie gegen Heidenheim gab es eine Doppelsechs mit Koch und Bodzek, davor rückte Sararer in die Mitte und Bellinghausen auf den Flügel. Der bisherige Sturm hingegen fand sich direkt mal auf der Bank wieder: Pojanpalo und Ya Konan verloren ihren Startelf-Platz. Dafür durfte sich van Duinen über eben jenen freuen. 

Eine durchaus interessante Aufstellung, die der fränkische Kloppo sich da ausgedacht hatte. Defensiv hatte es in Heidenheim ja bereits ganz ordentlich geklappt so, und der derzeit technisch und spielerisch auffällige Sararer könnte in der Mitte durchaus für Alarm sorgen.

 

Beeindruckend ging es los, und zwar auf den Rängen. Eine große und sehr schöne Choreo zum 120 Geburtstag der launischen Diva machte Lust auf die Partie. So begann ein Spiel im Wechsel zwischen Abtasten und Neutralisieren. Der Gegner musste nämlich selbst wegen gleich zweier Rotsperren und leichter Blessuren im Team kräftig umbauen. Beide Teams ließen wenig zu, schafften aber auch keine berauschenden Momente. Und doch wurde auf ordentlichem Niveau gespielt: hohes Tempo, viel Einsatz und Lauffreude auf beiden Seiten.

Und dann wieder einer dieser Momente: man hatte gerade das Gefühl die Herren in Rot könnten sich aus der kontrollierten Situation heraus mal die ersten Chancen erarbeiten, da klingelte es schon hinter Rensing. Ein schneller Konter der Freibuger, eingeleitet durch einen Fehler von Bodzek, Schauerte zu weit aufgerückt, Bolly nicht konsequent in der Rückwärtsbewegung. 0:1. Trotzige Anfeuerungsrufe der 27.000.

Und plötzlich bekam der zahlende Zuschauer etwas geboten, was er sonst in Düsseldorf eher andersherum kennt. F95 beantwortet den Rückstand postwendend und machte aus einer schwachen Freiburger Ecke einen Blitzkonter zum 1:1. Sararer schickt Bolly steil, der den Turbo anwirft und locker 60 Meter im Vollsprint überbrückt. Glücklicherweise ohne den Ball zu vergessen, und diesen dann Schwolow durch die Hosenträger zu schieben. Geiler Moment.

Doch wir sind ja Fortuna, wir können alles. Und schon zwei Minuten später schlenzt ein Breisgauer gefühlvoll und unbedrängt aus fast 20 Metern den Ball in den Winkel. Zwei Fehler, zwei Gegentore - und damit mit Rückstand in die Kabine. Dort war kurz zuvor schon Julian Koch angekommen, Verdacht auf Sprunggelenksverletzung. Hast Du Scheiße am Fuß, hast Du halt Scheiße am Fuß.

 

Was nun wird sich auch Frank Kramer im Keller der Arena gefragt haben. Und er bewies, meiner Meinung nach, daß seine Ideen für die Aufstellung gar nicht so schlecht sind. Den verletzten Koch ersetzte Sobottka, der damit das erste mal für die Fortuna auflaufen durfte. Und dann stand da plötzlich Ya Konan auf dem Feld und der unglückliche Bodzek nicht mehr. Systemumstellung? Nein, aber eine interessante Rochade: Schmitz rückte auf die Sechs und Bodzeks Position. Bellinghausen dafür in die Verteidigung und Ya Konan auf den Flügel. 

Was auf den ersten Blick nach verzweifeltem Experiment aussieht, stellte sich fix als gute Variante heraus. Fortuna machte das Spiel und schnürte Freiburg immer mehr ein. Die Gäste überraschend passiv, ohne das gefürchtete schnelle Konter-Spiel.

Die Diva hingegen mit Leidenschaft und Kampfbereitschaft. Plötzlich ging was, auch auf den Rängen. Dann der Jubel: Sararer tankt sich in den Strafraum, hakt ein und der Pfiff ertönt: Elfer! Chance zum Ausgleich! Die Hütte tobt, der Gefoulte tritt selbst an - und macht eine Rückgabe aus dem Strafstoß. Es ist ein Bild, was Fortunas derzeitige Situation am besten beschreibt. In aussichtsreicher Position an sich selbst gescheitert. 

 

Die rot-weißen steckten aber nicht auf und auch der physische Akku schien trotz guter Laufleistung noch nicht leer. Daher wurde es noch eine spannende Schlussphase. Strohdieck per Kopf an die Latte, der Ball springt auf die Linie - knapp. Die Umstehenden Fans fordern den Videobeweis per hawkeye, doch der hat es in die zweite Liga ja noch nicht geschafft. Kurz danach Ya Konan mit Gewalt, auch an die Latte. Der Ausgleich wäre mehr als verdient. Und doch: es reicht nicht mehr.

 

So bleibt es bei der zweiten Heimniederlage. Es bleibt beim Fehlstart, bei schlechter Chancenverwertung. Aber es bleibt auch eine ordentliche Mannschaftsleistung, was nur nicht jeder wahrnehmen mag. Die Ergebnisse erinnern an die grauenhafte Rückrunde der Vorsaison, aber die Herren auf dem Platz tun das meiner Ansicht nach nicht. Kampfkraft und Leidenschaft sind erkennbar und auch spielerisch entwickelt man sich, wenn auch langsam. Allein die Ladehemmung macht Sorgen. Van Duinen hat viel gearbeitet in seinem ersten kompletten Spiel heute. Doch auch er kam nicht zum Abschluß. Absoluter Lichtblick dagegen Saraer, der Spielfreude und Athletik mitbringt.

 

Tabellenplatz, Torausbeute und Ergebniskrise - die harten Fakten sprechen gegen Fortuna. Doch er die zweite Hälfte heute als Ausgangsbasis nimmt, der kann nicht so pessimistisch in die Saison blicken. Wo letzte Saison es nach einer Truppe ohne Lust und Hoffnung aussah, zeigt sich derzeit eine Mannschaft mit Willen und Potential.